Im Rahmen des Rinderzucht Austria Seminars im vergangenen Jahr hielt Dr. Roswitha Baumung einen interessanten Vortrag über die Erhaltung der genetischen Vielfalt aus der globalen Perspektive. Seit 2010 arbeitet die aus Maria Enzersdorf stammende Österreicherin Roswitha Baumung bei der FAO in Rom. Die FAO ist die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (UNO). Bevor sie sich in den Dienst der FAO stellte, war sie in Österreich gemeinsam mit Professor Johann Sölkner wesentlich beteiligt an Untersuchungen zur genetischen Differenzierung von Rassen über Tiergattungen hin weg. Als Vizepräsidentin des damaligen VEGH (Verein zur Erhaltung gefährdeter Haustierrassen) – mittlerweile als Arche Austria bekannt – arbeitete sie gemeinsam mit den Halterinnen und Haltern heimischer Nutztierrassen zusammen. Ihre Arbeiten stellten für einige Rassen - im Besonderen in der Generhaltung – die Basis für ihre Zuchtprogramme dar. So war ihr Forschungsprojekt über die genetische Charakterisierung der Blobeziege Grundlage für das bis heute gültige Generhaltungsprogramm. Zudem führte sie Forschungsprojekte zur genetischen Diversität der Blondviehrassen, genetischen Charakterisierung der österreichischen Rinderrassen und Erhebung genetischer Ressourcen in der Turopolje Zucht durch. Im Jahr 2010 begann sie ihre Arbeit an der FAO, ebenfalls im Bereich der Vielfalt landwirtschaftlicher Nutztierrassen, aber auf globaler Ebene.
Vielfalt der Haustiere weltweit abrufbar in DAD-IS
194 Länder und die Europäischen Kommission zählt die FAO als Mitglied. In ihrer Abteilung Tierproduktion und Gesundheit liegt ihr Arbeitsschwerpunkt im Bereich der nachhaltigen Bewirtschaftung tiergenetischer Ressourcen. So erweiterte und modernisierte sie als Entwicklungsleiterin gemeinsam mit ihrem Mitarbeiter Dr. Gregoire Leroy aus Frankreich das weltweit einzigartige Informationssystem zur Vielfalt von Haustieren „DAD-IS“ (engl. Domestic Animal Diversity Information System). DAD-IS stellt Werkzeuge zur Verfügung, um nationale Rassepopulationen zu überwachen und damit fundierte Entscheidungen über das Management tiergenetischer Ressourcen zu treffen. In DAD-IS werden Daten aus 185 Länder für mehr als 15 000 nationale Rassepopulationen, die etwa 8 000 Rassen und 40 Tierarten zugeordnet werden können, erfasst. DAD-IS ermöglicht die Beobachtung von Entwicklungen und Fortschritten in der Erhaltung der genetischen Vielfalt von Nutztier- und Haustierrassen weltweit. Als Hauptbedrohungen für die genetische Vielfalt sehen die Mitglieder der FAO die unkontrollierte Kreuzungszucht, unkontrollierte Einfuhr bzw. verstärkter Einsatz exotischer Rassen, schwache Politik bzw. Institutionen, mangelnde Rentabilität einiger Rassen, Intensivierung und Spezialisierung von Betrieben auf nur ein Produkt, Seuchen bzw. mangelnde Vorbeugung, Verlust von Weideland oder natürlicher Produktionsumgebung und eine schlechtes genetisches Management (Inzucht).
Internationales Abkommen Agenda 2023 mit den 17 Nachhaltigen Entwicklungszielen
Zur Erhaltung genetischen Ressourcen wurde 2010 die Konvention für die biologische Diversität (CBD) beschlossen. 2015 wurde in der Agenda 2030 dieses Bemühen mit den sog. 17 Zielen für die nachhaltige Entwicklung (SDG´s = engl. Sustainable Development Goals) von allen Mitgliedsstaaten der Vereinten Nationen angenommen (UNO). Für die Nutztierhaltung ist dort unter dem SDG-Ziel 2 „Kein Hunger“ als Unterziel 2.5 die mittel- bis langfristige Sicherung der tiergenetischen Ressourcen für Ernährung und Landwirtschaft angeführt.
Zur Messung der Zielerreichung wurden 2 Indikatoren entwickelt, die auf Daten der DAD-IS Plattform (www.fao.org/dad-is) basieren. Die Konvention für die biologische Diversität (CBD) anerkennt die Bedeutung von DAD-IS. Generell will man mit dem SDG-Ziel 2 erreichen, dass alle Menschen ausreichend Zugang zu gesunder und ausgewogener Nahrung haben, die landwirtschaftliche Produktivität der kleinbäuerlichen Landwirtschaft verbessert und die Nahrungsmittelproduktion nachhaltiger wird.
Globale Situation der tiergenetischen Ressourcen
Mehr als 15 000 nationale Rassepopulationen aus mehr als 8.000 Rassen von 38 Tierarten aus 185 Ländern werden aktuell in DAD-IS ausgewiesen. Bei den Rinderrassen sind mit Stand 2022 1.049 lokale, 105 regionale und 110 internationale Rassen registriert. Einer besonderen Rolle kommen im Rahmen des SDG-Ziels 2.5 den lokalen Rassen mit ihrer Bedeutung in der regionalen Wertschöpfungskette zu. Lokale Rassen sind oft nicht die Rassen mit den höchsten Leistungen in Produktionsmerkmalen wie Milch und Fleisch. Trotzdem haben sie Eigenschaften, die ihnen erlauben auch unter kargen Bedingungen, mit wenig Input hochwertige Produkte für die menschliche Ernährung zu produzieren. Dennoch gelten viele lokale Rassen aufgrund der geringen Tierzahlen als vom Aussterben bedroht. Mehr als bedenklich ist auch, dass von 57 % der weltweit lokalen Rassen kein Risikostatus bekannt ist, da grundlegende Daten zur Populationsgröße fehlen. Deshalb werden auch große Anstrengungen unternommen, um diese Datenlücke möglichst vollständig zu schließen. In Österreich ist man aufgrund der vorbildlichen Arbeit von Dr. Beate Berger von der Öngene in der vorteilhaften Situation, dass man für alle Rassen den jeweiligen Gefährdungsgrad kennt. Leider wird aber nur für wenige gefährdete Rassen genetisches Material als Genreserve kryokonserviert. Mit den Förderprogrammen der vergangenen Jahre konnte man viele Rasse vor dem Aussterben bewahren. Der wirtschaftliche Auftrag – besonders ist dies bei den Rinderrassen spürbar – wird immer schwieriger erfüllbar. So wird ein finanzieller Ausgleich für lokale Rassen eine Notwendigkeit bleiben, um das SDG Ziel 2.5 zu erreichen.